60 Jahre BSG Langenhagen! 

Mancher Kamerad, der schwerbeschädigt aus dem Krieg nach Hause oder dorthin, wo künftig sein Zuhause sein sollte, kam, hat während seines Aufenthaltes in einem Lazarett oder einer Genesenen-Kompanie Bekanntschaft mit dem Sport gemacht, der dort, wo er betrieben wurde, als wesentlicher Bestandteil der Heil- und Gesundungsmaßnahmen betrachtet wurde.

Aber auch der Versehrte selbst merkte recht bald, wie gut ihm der Versehrtensport bekam, daß er auf einmal zu Leistungen fähig wurde, deren er sich vorher gar nicht bewußt war und die er sich vorher nicht zutraute. Er bekam ein anderes Lebensgefühl, empfand, daß das Leben doch noch lebenswert war und daß durch Sport und Spiel viele Hemmungen und Verkrampfungen gelöst werden konnten.

Mit einem Wort:

man fühlte sich wieder als Mensch und nicht - verzeiht den harten Ausdruck - als Krüppel.

Und so erwachte in manchem bald nach dem Krieg das Bedürfnis, diese sportliche Betätigung weiter zu betreiben, und es sind allerorts in Deutschland Gemeinschaften und Gruppen entstanden, die sich dieser Idee ver¬schrieben.

Damit, war der Anfang des Deutschen Versehrtensports gemacht, der jetzt im Jahre 1960 als großer, dem Deutschen Sportbund angeschlossener Verband steht, nämlich als Deutscher Versehrten-Sportverband e.V.

Auch in Hannover wurde der Wunsch und das Interesse nach Gründung eines Versehrten-Sportvereines wach  und es kam im Jahre 1950 zu seiner Gründung .

Unser altes Mitglied Helmut Bothmann gehörte damals mit zu den Initiatoren  und Gründern des VSV und war auch einer seiner ersten Vorsitzenden.
In Langenhagen, damals noch ein Dorf, ballten sich, begünstigt durch die Wohnungsbau-Initiative des Reichsbundes, viele Schwer-beschädigte zusammen, sodaß es nicht verwunderlich war, daß hier und da der Wunsch nach sportlicher Betätigung rege wurde. Doch viele waren mit der Gestaltung ihrer Wohnung oder Eigenheims, ihres Gartens oder Kleinsiedlung zu sehr beschäftigt, hatten Berufs- und andere Sorgen, so daß die wenigen, die vielleicht den Anstoß zum Sport geben wollten, kaum Gehör fanden oder gar Antwort bekamen.
Um so erfreulicher war es, daß unser Sportkamerad Gustav Gieß der erste war, der die Wichtigkeit des Versehrtensports erkannte und, da in Langenhagen ja noch kein derartiger Sportbetrieb existierte, sich einfach dem TSV Hannover schon in seinem Grün-dungs¬jahr 1950 anschloß. Treu und brav fuhr er dann jede Woche zur Turnhalle am Altenbekener Damm, um hier unter Leitung von Sportlehrer Karwarth in die Gehschule eingeführt zu werden, um zu turnen und zu spielen.

In Anerkennung dieses Tatbestandes haben wir ihm an seinem 45. Geburtstag, am 10. Februar 1960, eine Ur-kunde überreicht des Inhalts, daß er seit zehn Jahren Versehrten-sport treibt und damit der erste versehrtensporttreibende langenhagener Schwerbeschädigte war.
Natürlich wäre ihm ein kürzerer Weg als nach Hannover lieber gewesen und er  hätte am liebsten hier in Langenhagen eine Gruppe gebildet. Aber alleine konnte er es nicht, er musste noch mehr begeistern. Und das versuchte er redlich und mit Ausdauer. Der Lohn ist heute eine Sportgemeinschaft von fast 80 Mitgliedern, die alle mehr oder weniger schwerbeschädigt sind.
Der Chronist war einer der ersten, die Gustav Gieß mit der Idee, Versehrtensport zu treiben, ansteckte - es war in der Firma Hackethal -, und damit für den VSV Hannover gewann. Dabei sollte es aber vorerst blei¬ben. So sehr beide sich auch mühten, weitere zum Mitmachen zu bewegen, die an sich doch schon überzeugt waren von der Notwendigkeit des Versehrtensports, jeder scheute den weiten Weg nach Hannover.

Es mußte also hier in Langenhagen etwas eigenständiges geschaffen werden.
Aber ohne erfahrenen Übungsleiter oder Turnlehrer und ohne sportärztliche Betreuung ging es nun einmal nicht.
Inzwischen hatte der Chronist Gelegenheit, für den VSV Hannover an einigen Wochenend-Lehrgängen für Übungsleiter teilzunehmen , so auch am ersten „Einweisungslehrgang für Übungsleiter“ der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport (ADV) im neuerstandenen, herrlich gelegenen Versehrtensport-Sanatorium Isny im Allgäu im Herbst 1953. Zudem lernte er die Vereinsmaterie durch seine Zugehörigkeit zum Vorstand des VSV Hannover so kennen, daß der Schritt zu einer eigenen, örtlichen Sportgemeinschaft in Langenhagen nicht mehr lange auf sich zu warten brauchte.

Im Juni 1954 fanden sich die sieben Kameraden

August Beck,
           Otto Brust,
                      Kurt Forbrich,
                                    Gustav Gieß,
                                               Willi Hennigers,
                                                          Rudi Linnemann
                                                                         Franz Markowski

zusammen, um zu beratschlagen, wie man es am besten anpacken sollte. Vom Reichsbund bekamen wir die Anschriften schwerbeschädigter Kameraden, die wir zu einer ersten Versehrtensportstunde am 30.6.54 einluden.

Aber, o weh,- von 80 angeschriebenen Kameraden kam nicht ein einziger! wir sieben blieben allein.
Doch das sollte unserm Eifer keinen Abbruch tun. Der Vorsitzende der Ortsgruppe des Reichsbundes, Horst Hartmann, war zwar zu-nächst noch etwas vorsichtig und skeptisch dem Versehrtensport gegenüber, ließ sich aber bald von unserm Optimismus anstecken und sorgte dafür, daß wir durch eine Spende des Reichsbundes zu unserm ersten Ball mit Pumpe und Leine kamen. So zogen wir jeden Dienstag auf den Sportplatz, trieben etwas Leichtathletik und dann zünftig Faustball.

Das Jahr 1955 führte zur Konstituierung unserer Gemeinschaft in der Weise, daß zunächst durch Absprache nach der Sportstunde am 31.Mai 1955 der Name
„Versehrten - Sportgemeinschaft Langenhagen“

gegeben und den Kameraden Beck, Forbrich und Markowski der Auftrag gegeben wurde, als provisorischer, ge¬schäftsführender Vor-stand die Gründungsversammlung vorzubereiten und die Anmel-dung bei den Sportbehörden vorzunehmen, um in den Genuß der unbedingt erforderlichen Sportunfall-Versicherung zu gelangen.

Dieser Tag gilt gleichzeitig als offizieller Gründungstag der Sportgemeinschaft., bei der alle zwölf Mitglieder zugegen waren. Es wird hier auf das Protokoll hingewiesen, das auf den folgenden Seiten folgt.Als herausragendes sportliches Ereignis dieses Jahres ist die Teilnahme von 9 Kameraden am 3. Niedersächsischen-Landes-Versehrten-Sportfest des Versehrten-Sportverbandes Niedersachsen in Barsinghausen zu vermerken, das unter der Leitung des damaligen ersten Vorsitzenden des VSN, Helmut Huth, und unter der Schirmherrschaft von Landrat Karl Schönemann, Langenhagen, stattfand. Es war dies unser erstes Auftreten in der Öffentlichkeit bei einer Veranstaltung.

Wir beteiligten uns alle am Leichtathletik-Dreikampf, zahlreichen Einzel- Wettbewerben und dem Faustball- Turnier. Die Winterarbeit litt ganz besonders unter den ungün¬stigen Verhältnissen, die durch die Renovierung der Turnhalle der Brinker Schule entstanden waren. Jeglicher Sportbetrieb war eingestellt.
Rosig sah es um unsere kleine Truppe nicht aus, denn was nutzt aller Idealismus, wenn im Winter keine Turnhalle zur Verfügung steht. Die einzige nämlich, über die damals Langenhagen  verfügte, war von den vielen Gruppen des SC – Langenhagen derart belegt, dass für uns kein Raum blieb. Trotzdem ließen wir uns nicht unterkriegen.

Im nächsten Frühjahr zogen wir wieder auf den Sportplatz an der „Schleife“, weitere Kameraden kamen dazu, und so begann langsam, mühselig und allmählich das kleine Pflänzchen, das sich später dann Versehrten - Sportgemeinschaft Langenhagen nannte, zu gedeihen.

(der Chronist)

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